Akzeptanzregel versus Mehrheitsregel

Skizze einer methodischen Unterstützung
von Planungs- und Entscheidungsprozessen
(DI Dr. Peter-Jörg Jansen, O.Univ.-Prof.i.R., Februar 2018)

Vorbemerkung:

Nachfolgende Überlegungen fußen weitgehend auf diesem Konzept, das in Kurzform nachlesbar ist in Siegfried Schrotta: ‚Mit kollektiver Intelligenz die besten Lösungen finden‘, DANKE-Verlag, 2016.

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Ich gehe hier davon aus, daß ein Themenbereich ausgewählt und der Status-quo beschrieben ist, für dessen Weiterentwicklung

Ich beginne bei der Darlegung der Methodik zur Unterstützung einer Projektgruppe mit der Projektauswahl aus vorhandenen Vorschlägen, und behandle erst dann die Unterstützung der Erstellung der Projektvorschläge, weil die zu verwendende Auswahlregel auf die Methodik der Vorschlagserstellung rückwirkt.

 

Die Akzeptanzregel

Traditionell wird in einer Gruppe, in der unterschiedliche Wunschvorstellungen kollidieren, nach der Mehrheitsregel entschieden. Diese Regel ist jedoch nicht geeignet, größtmögliche Akzeptanz unter den Mitgliedern der Gruppe für den ausgewählten Projektvorschlag herbeizuführen. Ein nicht unbeträchtlicher Anteil an Gruppenmitgliedern ist ‚überstimmt‘ und kann sich unterdrückt fühlen. Und Mängel in der Akzeptanz erschweren die Durchsetzbarkeit eines Projektes. Ich wähle ein Beispiel aus Schrotta, S.10ff. Eine Gruppe von 20 Personen stimmt über 6 Vorschläge ab; die Vorschläge A-F erhalten folgende Zustimmung:

Vorschläge

A

B

C

D

E

F

Ent­­­halt­ungen

Stimmen

2

4

1

3

5

3

2

 

Vorschlag E erhielt mit 5 Stimmen die relative Mehrheit und wäre nach der Mehrheitsregel von der Gruppe ausgewählt. Damit sind mindestens 13 Gruppenmitglieder mehr oder weniger nicht zufrieden, wahrscheinlich sogar 15, denn die Enthaltungen könnten signalisieren, daß sie mit keinem Vorschlag glücklich sind. Jedenfalls hat die Mehrheit den Sieger-Vorschlag E nicht gewählt.

Dieser Mehrheitsregel haften als Entscheidungsregel eine Reihe von Unzulänglichkeiten an. Es ist unbekannt, in welchem Ausmaß die einzelnen Gruppenmitglieder den Vorschlag E oder auch andere Vorschläge, die sie nicht gewählt haben, ablehnen. Es ist auch unbekannt, inwieweit Gruppenmitglieder, die Vorschlag E gewählt haben, auch mit anderen Vorschlägen leben könnten. An diesem Defizit der Mehrheitsregel ändert auch eine Stichwahl zwischen Vorschlag E und B nichts, wie sie häufig bei Entscheidungen mit vielen Alternativen Anwendung findet. Aber auch wenn der Vorschlag E 11 Stimmen bekommen und damit die absolute Mehrheit hätte, würden sich noch 9 Mitglieder, also fast die Hälfte, mehr oder weniger unberücksichtigt fühlen.

Wenn Sie sich vorstellen, daß von den Gruppenmitgliedern, die Vorschläge einbrachten, auch ein Werben um Zustimmung für ihren Vorschlag einhergeht, dann wird deutlich, daß die Mehrheitsregel tendenziell die Gruppe spaltet statt vereint: die Suche nach Mehrheiten führt selten zu einer Adaption der Vorschläge, vielmehr meistens zu immer kontroversieller werdender Argumentation dafür und dagegen; obwohl ja ‚abstimmen‘ eigentlich mit ‚sich abstimmen‘ zu tun hat. Allenfalls bilden sich Koalitionen mit immer härter werdenden Fronten.

Während in Entscheidungsprozessen wichtig wäre, möglichst viele Vorschläge auf den Tisch zu bekommen und die darin enthaltene Ideen-Vielfalt zu nutzen, wird, wie man sich an dem Beispiel gut vorstellen kann, die Mehrheitsregel mit zunehmender Zahl von Vorschlägen immer fragwürdiger. Eine immer kleiner werdende relative Mehrheit beansprucht Dominanz über die überrundete Mehrheit.

All diese Nachteile sind mit einer einfachen Regeländerung vermeidbar: Man gibt nichtmehr nur ein einziges Votum ab, mit dem man sich für eine einzige Alternative hat entscheiden müssen, auch wenn andere nicht wesentlich nachteiliger wären, sondern jedes Gruppenmitglied belegt jeden Vorschlag mit seinem individuellen Akzeptanzgrad, wobei wir in unserem Beispiel jetzt vereinfachend unterscheiden zwischen ‚befürwortet‘, ‚indifferent‘ und ‚abgelehnt‘. Wir nehmen an, daß dies in unserem Beispiel zu folgender Bewertungsmatrix führt:

Vorschläge

A

B

C

D

E

F

Ent­halt­ungen

ursprüngliche
Stimmen

2

4

1

3

5

3

2

befürwortet

7

9

5

7

10

8

 

indifferent

9

5

10

10

4

8

 

abgelehnt

4

6

5

3

6

4

 

 

Für jeden Vorschlag sind 20 Stimmen abgegeben. Erneut wird Vorschlag E von der Mehrheit ‚befürwortet‘, er erhält aber (ex aequo mit Vorschlag B) auch die meisten Ablehnungen. Die geringsten Ablehnungen erhält Vorschlag D. Als Komplement zur Gesamtzahl der Teilnehmer hat er also (mit 7 Befürwortungen und 10 Indifferenzstimmen) in der Gruppe die höchste Akzeptanz.

Nun ist mit der Aufsplittung der Bewertung in nur drei ‚Noten‘ immer noch nicht gesichert, ob etwa die 3 Ablehnungen bei Vorschlag D für diese Gruppenmitglieder nicht rote Linien überschreiten bzw. ernster zu nehmen wären als die 6 Ablehnungen bei Vorschlag E. Es werden deshalb nicht ‚befürwortet/ indifferent/ abgelehnt‘ sondern Zustimmungs-/Ablehnungsgrade (sogenannte Widerstandswerte) auf einer Skala von 0 bis 10 vergeben, von jedem Gruppenmitglied für jeden Vorschlag:

Für jeden Vorschlag werden die Widerstandswerte aller Gruppenmitglieder zusammengezählt (oder Mittelwerte gebildet), der Vorschlag mit dem geringsten Summen-Widerstandswert/Widerstands-Mittelwert gilt als in der Gruppe am besten akzeptiert, ist einem Gruppen-Konsens am nächsten und wird ausgewählt.2) Das Komplement des Widerstandswertes zu 10 drückt die Akzeptanz aus.

Vorschläge

A

B

C

D

E

F

Passiv­Lösung

 

Widerstandswerte

Mitglied 1

 

 

 

 

Mitglied 2

 

 

 

 

 

Mitglied 3

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Widerstands-Summe/Mittelwert

 

 

 

 

Hilfreich für die Beurteilung von Vorschlägen ist die Einbeziehung der Passiv-Lösung/Null-Lösung als Vorschlag: ‚Wir treffen keine Entscheidung‘‚ ‚Alles bleibt so wie es ist‘. Auch sie soll mit bewertet werden. Alle Vorschläge, deren Summen-Widerstandswert größer als der der Passiv-Lösung ist, können aus der weiteren Entscheidungsfindung ausgeschieden werden, denn was weniger akzeptiert ist, als ‚Nichts zu tun‘, macht keinen Sinn.

Die Entscheidung nach dem geringsten Gruppenwiderstand nennen wir im Folgenden ‚Akzeptanzregel‘. Sie hat einen entscheidenden Vorteil: Vertreter eines Vorschlages müssen, um ihre Interessen durchzusetzen, nicht auf Stimmenfang gehen, sondern werden motiviert nach Varianten ihres Vorschlages zu suchen, die diesem eine höhere Akzeptanz versprechen, also auch Interessen anderer berücksichtigen. Es geht also nicht um das Verbiegen von Urteilen, sondern um das Verändern von Wirklichkeiten. Dies bringt uns zu der wesentlichen Phase eines Entscheidungsfindungsprozesses in einer Gruppe, zu der ‚Er‘arbeitung und ‚Über‘arbeitung von Vorschlägen.

 

Die Gruppendynamik

Damit die eingebrachten Vorschläge bezüglich Akzeptanz verbessert werden können, müssen iterativ folgende Schritte mehrfach durchlaufen werden:

Dies erhöht nicht nur schrittweise die Akzeptanz der eingebrachten/überarbeiteten Vorschläge durch Berücksichtigung der Einwände und Wünsche der anderen Gruppenmitglieder, sondern verbindet Ideen von verschiedenen Gruppenmitgliedern und verbindet damit die Gruppe; ganz im Gegensatz zu den spaltenden Tendenzen, um bei einer Mehrheitsregel seine Interessen zu wahren.

 Diese Gruppendynamik kann

Das Online-System gibt die Möglichkeit, Vorschläge einzubringen und zu beschreiben, die Teilnehmer können übersichtlich Vor- und Nachteile anmerken und Anmerkungen kommentieren, ‚öffentlich = für alle Teilnehmer sichtbar‘ oder beschränkt auf den Einbringer eines Vorschlages Fragen stellen und Kommentare abgeben. Und von Zeit zu Zeit kann eine Bewertungsrunde eingelegt werden, die das Programm übersichtlich abwickelt; auf ihrer Basis können Vorschläge zurückgezogen, modifiziert oder neu eingebracht, kommentiert und erneut nach der Akzeptanzregel bewertet werden.

Ich habe an einem Online-Konsensieren teilgenommen; das System ist von jedem PC oder Tablet aus einfach handhabbar, hat eine gute Benutzerführung und jeder kann sich durch ein Demo-Beispiel ackern. Darüber hinaus kommt die private Online-Nutzung spontanen Ideen außerhalb des Tagesstresses entgegen; die Gruppe geht quasi nie auseinander, online können von Allen immer Informationen abgesetzt oder eingeholt werden, wenn einem Gruppenmitglied etwas einfällt. Wenn sich die Gruppe dann real trifft, kann sie auf der Grundlage einer übersichtlichen Zusammenstellung und Bewertung von Vorschlägen, wie sie vom Online-System zur Verfügung gestellt wird, diskutieren und gegebenenfalls auch vertieftere Materialien zu den jeweiligen Projektvorschlägen einbringen.

Man könnte sich mit einer kleinen Fragestellung an die Nutzung des Online­Konsensierens und der Akzeptanzregel herantasten.

Es ist diese Gruppendynamik (herkömmlich oder online) mit Akzeptanzmessung eine hoch effiziente intrinsische Mediations-Methode (also ohne teure externe Mediatoren), um weitgehend Einigkeit bei konfliktträchtigen Entscheidungen herbeizuführen. 3)

Aber auch bei nicht konfliktträchtigen Entscheidungsaufgaben bietet das Online-Konsensieren eine schnelle und problemlose Unterstützung mit oft überraschenden Lösungen – denn gerade der problemlose Zugang, jederzeit und überall, gepaart mit einem guten Überblick auf alle bisherigen Vorschläge und ihren Vor- und Nachteilen, wirkt innovativ. 4)

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Nachwort:

Die Akzeptanzregel und Gruppendynamik in einer Gruppe für die Projekterarbeitung und Entscheidungsfindung einzusetzen, bedarf allerdings vorweg einer Entscheidung in der Gruppe, die wohl nach traditionellen Regeln abläuft, formal nach der Mehrheitsregel. Warum ich leider vermuten muß, daß somit gerade in Entscheidungen von politischer Relevanz die Akzeptanzregel nicht zum Tragen kommt, liegt

Wer im allgemeinen eine satte Mehrheit (jedenfalls eine relative) hinter sich hat und damit Funktionen innehat, die auch Macht ausstrahlen, wird sich lieber auf seine Überzeugungskraft und Möglichkeiten von Gegengeschäften verlassen, als auf mühsames Kompromißfinden/Konsensieren.

Wer sich hinter rechtlichen Normen oder solchen die im gesellschaftlichen Trend liegen (etwa medial unterstützt) verstecken kann (z.B. Lärm neben Spielplätzen), wird sich lieber nicht gruppendynamisch auferlegten Zugeständnissen stellen wollen.

Es wird die Akzeptanzregel dort eine Chance haben, wo auch die Mehrheitsinhaber noch nach einer Zukunftsgestaltung suchen und die ‚kollektive Intelligenz‘ helfen kann, Ideen zu kreieren und abzustimmen. Vielleicht gewinnt, so Luft geschnuppert, die Akzeptanzregel dann breiter Akzeptanz.

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Fußnoten:

  1.  Entwickler des 'Systemischen Konsensierens': Erich Visotschnig, Siegfried Schrotta

  2. Geht es bei dem Entscheidungsproblem um eine Personenwahl aus mehr als zwei Kandidaten, so ermöglicht die Akzeptanzregel die Wahl des Kandidaten mit dem geringsten 'Gruppen'-Widerstand (Gruppe = Wahlberechtigte). Eine Stichwahl zwischen den in einem ersten Wahlgang nach Mehrheitsregel zwei bestgereihten Kandidaten garantiert dies nicht, wie an obigem Beispiel gezeigt wurde. Man überlege sich dies etwa an der Präsidentschaftswahl Österreich 2016 mit 5 Kandidaten.

  3. Von den Entwicklern wird diese Kombination aus Gruppendynamik und Akzeptanzmessung 'Systemisches Konsensieren' oder 'SK-Prinzip' genannt. In Schrotta S.32ff wird aufgezeigt, wie dieses SK-Prinzip etwa auch auf Institutionen der EU (Gremium der Staats- und Regierungschefs, Ministerrat) als Prozeß der Entscheidungsvorbereitung und schließlich Abstimmung vorteilhaft angewendet werden könnte, um so Handlungsblockaden über Vetorechte einerseits oder Frustrationen aufgrund von Mehrheitsentscheidungen andererseits zu vermeiden und durch kollektiv erarbeitete Lösungen mit maximierter Akzeptanz zu ersetzen.

  4. In Erich Visotschnig, 'Nicht über unsere Köpfe - Wie ein neues Wahlsystem die Demokratie retten kann' wird das SK-Prinzip per erweitertem Online-Konsensieren für plebiszitäre demokratische Entscheidungen vorgeschlagen. Die Idee, auf diese Weise aus dem Fundus kollektiver Intelligenz schöpfen zu können und bestmögliche Kompromisse (in meinen Worten) erarbeiten zu können, mag für Lokalpolitik von Nutzen sein und das Interesse an der Gestaltung des Gemeinwesens erhöhen. In nationalem Kontext steht dem meines Erachtens jedoch die Gefahr medial unterstützten und emotional aufgepeitschten Meinungsterrors, unter Umständen sogar einer kleinen Gruppe, gegenüber und würde ich solche Entscheidungsprozesse lieber gewählten 'Repräsentanten' überlassen. Auf die Gefahren plebiszitärer Entscheidungen weist etwa Ferdinand von Schirach in seiner bemerkenswerten Festrede 'Gesichter der Macht' zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2017 hin ( https://www.youtube.com/watch?v=I4jOEJKJTCc ).