Kirche und Gestalten
Ein langer Marsch durch die Institutionen

Ich würde in der Kirche zwei Grundhaltungen unterscheiden: die gestaltende und die heilende Funktion.

Gestalten rechtfertigt sich von 'Macht Euch die Erde untertan' mit hegen und pflegen. Dieses Paradigma zieht sich durch die Enzykliken rerum novarum von Leo XIII 1891 bis laudato si von Franziskus 2015.

Heilen rechtfertigt sich aus dem Leben Jesu und ist mit den Schlagworten Liebe und Barmherzigkeit verknüpft, typisch präsentiert in amoris laetitia von Franziskus 2016.

Allerdings kann man im Duktus von amoris laetitia auch den Wunsch nach Gestalten verspüren: 'Das Wohl der Familie ist entscheidend für die Zukunft der Welt und der Kirche' (AL 31) oder 'Die Realitäten, die uns Sorgen machen, sind Herausforderungen.' (AL 57). Und in der Tat gehört beides zusammen, Heilen und Gestalten. Heilen ohne Gestalten kuriert nur an den Symptomen und läßt die Ursachen unberührt. Gestalten ohne Interesse des Heilens verletzt. Unter der Prämisse des Heilens kann das Gestalten etwa eine Ökonomie fördern, die niemanden ausbeutet, oder eine Politik, die keine Kriege zuläßt.

Laudato si ist ein Plädoyer für Gestalten, amoris laetitia ein Plädoyer für Heilen. Das bedeutsame Miteinander beider als Paradigma kommt in den demonstrativen Auftritten von Franziskus zur uneingeschränkten Flüchtlingshilfe oder das Öffnen von Grenzen zu kurz, es reiht das Heilen vor das Gestalten. Es suggeriert, mit dem Helfen wäre der christlichen Pflicht genüge getan. Jedoch: Gestalten von Frieden würde viel Heilungsbedarf vermeiden.

Heilen in einem erweiterten Sinn entspricht 'Halt Du sie dumm, ich halt sie arm'. Der 'Heils'-Gedanke an ein Jenseits ermöglicht, sich mit dem Diesseits abzufinden (halt Du sie dumm). Solange man arm ist, ist man mit der Befriedigung der Grundbedürfnisse beschäftigt und unterdrückt Mitsprachebedürfnisse (ich halt sie arm). Die Bedingungen für ein Heil im Jenseits können etwa durch Heilen im Diesseits erfüllt werden (Flüchtlingshilfe). Die Beschäftigung mit der Befriedigung der Grundbedürfnisse wird durch medial unterstützten Konsumismus aufrecht erhalten und von der Kirche mit dem Recht auf ein besseres Leben noch bestärkt.

Erziehen selbst ist Gestaltungsaufgabe, und wenn teilweise an Institutionen delegiert, sind diese Gegenstand der Gestaltungsaufgabe. Im bisherigen Kontext heißt dies, reif zu machen für ein Gestalten, das nicht verletzt. Dieser Aspekt des Gestaltens kommt in amoris laetitia zu kurz, obwohl er ganz wesentlich für das Heilen ist.

Auch wem klar ist, woran es in unserer Gesellschaft krankt, wird leicht vor der ungeheuren Aufgabe, Änderungen durchzusetzen, kapitulieren. Betrachtet man den flächendeckenden horizontalen wie vertikalen Durchgriff der globalisierten Kapitalmacht auf Erziehung und (Aus-)Bildung (von Frühsexualisierung/Gender­ismus, über PISA-'Auslese' bis Drittmitteloptimierung) ist eine direkte Korrektur unmöglich, weder von den politischen Einflußmöglichkeiten noch vom Umfang der Aufgabe her. Was bleibt ist, möglichst viele Gleichgesinnte für einen 'langen Marsch durch die Institutionen' (Rudi Dutschke 1967) zu motivieren.

Wie versammelt man Gleichgesinnte? Parteien zu gründen, hilft sicher nicht. Repräsentative Demokratien sind längst nur mehr Erfüllungsgehilfen der besagten Machtzentren oder ihrer Handlanger. Die Führungsebene der Kirche könnte es sein, aber auch hier verhindert das Interesse des Erhalts der persönlichen Komfortzonen, sich auf unsicheres Gelände zu begeben. Und zu offensichtliches Eingreifen in die Paradigmen der Gegenwart würde Gegenmaßnahmen auslösen. Ein kleiner Kreis der pädagogisch Arbeitenden in der Kirche könnte es sein, und vielleicht würde er wachsen. Er könnte in den Ausbildungseinrichtungen der Kirche oder kirchennaher Institutionen Multiplikator sein, in der Jugend künftige Entscheidungsträger zu Gestaltern im christlichen Sinne heranbilden: ganz ohne Curriculumwechsel, nur durch Öffnen der Augen für Zusammenhänge in der realen Welt. Das ist der Marsch durch die Institutionen, als Hoffnungsschimmer.

Zu diesem Zweck müßte sich dieser kleine Kreis selbst für die Verflechtungen in der Finanzwelt und des Kapitals interessieren, in welchen internationalen Institutionen Medienmogule und Redaktionschefs gebrieft werden, wie Resourcenpolitik international durchgesetzt wird, welche Rolle der Zins in unserem Geldsystem spielt und wie Geld geschöpft wird, wie Demokratie unterwandert wird etc. etc., und welche alternative Überlegungen es in der Wissenschaft dazu jeweils gibt. Der genannte Themenkreis wird von hervorragenden Denkern bereits ausführlich beackert, braucht also nicht selbst bearbeitet zu werden, aber man muß sich informieren. Dazu kann dieser 'kleine Kreis' Diskussionsrunden einführen, Experten einladen oder auch nur Internet-Recherchen austauschen - per email oder in einem eigenen geschützten Blogg - die vielleicht praktikabelste Lösung bei wenig Zeit. Und dieser kleine Kreis kann dann in seiner pädagogischen Arbeit als Lehrer oder Fachlehrer (auch Pfarrer) sein Wissen über Zusammenhänge, Probleme und Möglichkeiten einfließen lassen. Der eine oder andere 'Schüler' nimmt daraus etwas mit in seine spätere Berufslaufbahn; das ist der lange Marsch durch die Institutionen, als Hoffnungsschimmer.

Allerdings : …ohne sich wenigstens die Zeit zu nehmen/zu haben (und das heißt abschalten, zuhören, nachdenken, … Muße) wird auch der Willige die festgefahrenen Denkmuster nicht aufbrechen können. (Oliver Tanzer in 'Gedanken für den Tag' oe1, 29.04.2016: Ruhe ist nicht unproduktiv. Ruhelosigkeit ist auch einer der Hauptkritikpunkte der Enzyklika Centesimus Annus von Papst Johannes Paul II.) In US Management-Kursen wird einem COE, der seinen Generaldirektor in Arbeitsstreß vorfindet, die Zurechtweisung zugeschrieben: 'Legen Sie gefälligst die Füße auf den Tisch und denken Sie nach - Wir bezahlen Sie nicht zum arbeiten, dazu sind Andere da!' Sicherlich wird das face-to-face Gespräch am ehesten zu fruchtbaren Ideen führen, bedarf aber eines ausgeglichenen Informationsstandes und diesbezügliche Vorbereitung.

Christine Jansen
Peter-Jörg Jansen
30.04.2016

post scriptum Christine Jansen:

Amoris laetitia behandelt ein breites Spektrum hinsichtlich Familie in Kirche und Gesellschaft: Bedeutung, Chancen, Probleme, Problembehandlung / hinsichtlich Ehe, Nachwuchs, Erziehung, Einkommenssicherung, Jugend, Migration, Altern - wie wir indirekt durch obige Ausführungen angedeutet haben. Angedeutet haben wir auch, daß die Führungsebene der Kirche ihren Aufgaben nicht gerecht wird. Dies bestätigt sich in trauriger Weise an deren Reaktionen auf amoris laetitia, die fast durchgängig ihren Handlungsbedarf öffentlich auf den Umgang mit wieder­verheirateten Geschiedenen reduzieren (was in amoris laetitia einer Nebenbemerkung entspricht: im wesentlichen 5, großzügig gerechnet 25 von 325 Abschnitten!).